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Freier Raum Freie Zeit


By tuewi - Posted on 02 Oktober 2009

 

Als Studierende genießen wir eine gewisse Freiheit im Denken, die zwar gebunden an die gesellschaftlichen Grundwerte ist, aber im fortlaufenden Gewinn an Erkenntnis mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Für Individuen und für die Gesellschaft als Ganzes.

Diese wohl theoretische und idealisierte Sicht stimmt nicht mit dem wirklichen Bild im universitären Leben und schon gar nicht mit der kapitalisierten Patriarchalgesellschaft, in der unser Leben eingebettet ist, überein. Wie können wir dem entgegenwirken? Welche Werkzeuge stehen uns zur Verfügung, um egalitäre Strukturen zu verwirklichen und jene vertikal hierarchisch ablaufenden Prozesse der herrschenden Machtverhältnisse zu ersetzen?

Als Erstes steht uns Raum zur Verfügung - das TÜWI.

Die Grundfragen der Inanspruchnahme eines Raumes lassen sich auf vielfältige Weise bearbeiten. Wir wollen in einem permanenten Prozess der Diskussion, Bewusstmachung und tatsächlichen Handlungen eine Basis schaffen, die ein selbstbestimmtes Handeln und eine bedürfnisorientierte Ressourcenverteilung ermöglichen.

Diese Basis heißt Vertrauen. Verständnis füreinander und Verständnis der integrierten Abläufe sind dazu notwendig und bedürfen einer Transparenz nach Innen und nach Außen. Welche Ressourcen sind vorhanden und wie wollen wir sie aufteilen?

Dazu braucht es Raum und Zeit - das TÜWI bietet in seiner räumlichen Struktur einen bestimmten Raum. Wir - das TÜWI_Kollektiv - nutzen diesen Raum und möchten nun noch mehr Spielraum generieren. Dazu wollen wir wöchentlich einen Tag anbieten an dem wir gemeinsam mit allen Gäst_innen hinterfragen, was wir tun und ob wir strukturelle Machtverhältnisse reproduzieren. Selbstverständlich sind alle Menschen, die diesen Raum nutzen, betroffen - so auch Gäst_innen.

Wie könnte so ein Tag aussehen? Was wäre an so einem Tag anders, als sonst? Nun - da es primär in unserer Gesellschaft hauptsächlich um das liebe Thema Geld geht und das TÜWI genauso wie fast überall seine fixen Preise für Essen, Trinken und den Produkten in TÜWI’s Hofladen hat, scheint es nahe zu liegen genau diese Preise fallen zu lassen. Fixe Preise sind weder bedürfnisorientiert noch regen sie zum Nachdenken über die Produkte an. Um diesen radikalen Schritt auf beiden Seiten der Theke verständlich und nachvollziehbar zu machen, wäre ein möglicher erster Schritt das Lokal zwar wie gewohnt zu öffnen, jedoch nicht zur gewohnten Zeit und auch nicht im gewohntem Zustand. Keine Person würde hinter der Bar stehen und Getränke verkaufen. Keine Person ist in der Küche und kocht. Menschen beginnen sich zu fragen, was denn los sei und haben nun die Möglichkeit sich zu informieren, auszutauschen und neue Ideen zu entwickeln, wie ein Lokalbetrieb aussehen könnte.

Es ist aber nicht so, dass wir uns das selbst nicht ständig fragen und so gibt es bereits Ideen was wir unseren Gäst_innen an so einem Tag anbieten. Um es mit einem Wort zu beschreiben: Selbstbestimmung.

Jede Person hat die Möglichkeit sich selbst einzuschätzen. Wie viel Geld steht mir zur Verfügung? Welchen Wert hat mein Getränk? Was ist es mir wert? Wie viel zahlen wohl die anderen? Hoffentlich zahle ich nicht zu wenig, oder schlimmer: hoffentlich gebe ich nicht mehr Geld aus, als ich mir leisten kann?! Jene Reflexionen ermöglichen einen Prozess zur Bewusstwerdung über die Preispolitik und welche Macht, welche Positionsmöglichkeiten jeder Akt des Konsums birgt. Hier entsteht sehr viel Macht. Und zwar entsteht diese Macht direkt an der Theke in den Köpfen der Leute, die etwas kaufen wollen. Und um diese Macht bewusst zu machen braucht es freie Preise. Ohne freie Preise bleibt diese Macht im verborgenen und wird nur durch die preisgebenden Händler_innen und Verkäufer_innen genutzt. Wie wir alle wissen haben sich dadurch weltweit Ungleichgewichte herausgebildet, die durch den Kapitalismus - so wie die westliche Elite ihn bildet - Zerstörung der Umwelt, leidvolles Leben von Menschen und leidvolles Leben von Tieren verursacht.

Um es klar zu machen - freie Preise im TÜWI alleine werden die Welt nicht retten können. Was die Welt freut ist ein Selbstbestimmtes Leben aller Wesen der Erde. Freie Preise sind ein kleiner, aber wirkungsvoller Schritt in diese Richtung.

 

"Wie können wir den Raum von den Mechanismen der Kontrolle separieren?"

"Die TAZ* hat einen temporären wie wirklichen Ort in der Zeit und einen temporären wie wirklichen Ort im Raum. Aber sie muss natürlich auch ihren »Ort« im Spinnengewebe haben, und dieser Ort ist von anderer Natur, nicht wirklich, sondern virtuell. Das Spinnengewebe bietet nicht nur logistische Unterstützung für die TAZ, es hilft auch, sie zu schaffen; grob gesprochen könnte man sagen, dass die TAZ im Informations-Raum wie in der »wirklichen Welt« existiert. Wir haben bemerkt, dass es der TAZ, da sie temporär ist, notwendigerweise an einigen Vorteilen der Freiheit fehlt, die aus der Erfahrung von Dauer und mehr-oder-weniger festem Ort erst entsteht. Aber das Spinnengewebe kann einiges von Dauer und Ort substituieren, die TAZ von Anfang an informieren, ihr jede Menge an verdichteter Zeit und verdichtetem Raum liefern, die zu Daten »verflüchtigt« wurden." Zitate aus der TAZ - *Die temporäre Autonome Zone von Hakim Bey

http://www.nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/Anarchistische_Bewegungen/taz/taz.html

 

Genau wie im Kasten nebenan die TAZ - temporäre autonome Zone - beschrieben wird, so stellt ein Freiraum die Möglichkeit für Menschen zur Verfügung ihre Ideen, Visionen, Experimente und alternative Lebensweisen zu verwirklichen. Temporär bedeutet vorübergehend. Doch alles geht irgendwie vorüber. Die Natur der Dinge ist es, dass alles Irdische eine Dauer hat und irgendwann durch Umwandlung in etwas neues vergeht. Dieses Phänomen der Vergänglichkeit bietet Raum immer wieder Neues aus alten Strukturen zu schaffen. Machtstrukturen missachten dieses Naturgesetz und führen zu Kontrolle, Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung und am Ende zu Zerstörung. Die Welt ist voll davon. Deshalb ist es wichtig die uns zur Verfügung stehenden Freiräume zu verteidigen, sie zu nutzen und vor allem, diese zu erweitern. Wir können diese Freiräume nach Innen und nach Außen erweitern - so wie die Aktion eines “freien Tages” im TÜWI zwei wesentliche Wirkungen hat.

Erstens werden die inneren Strukturen nach Außen getragen und offen gelegt, wenn wir über die Produkte informieren, euch erzählen was im TÜWI Kostenausgaben bedeuten und wie wir uns selbst koordinieren, damit alles läuft. Wie bereits beschrieben wird so eine Einschätzung dessen möglich welchen Geldwert unsere Leistungen haben, damit du selbst entscheiden kannst wie viel du zahlen willst.

Zweitens erweitert sich das Spektrum innerhalb des TÜWI_Kollektivs im Bezug auf die Wertschätzung des Engagement der einzelnen Personen. Durch die Zusammenarbeit für und an diesem “freien Tag” mit den Gäst_innen und mit den Leuten, die im TÜWI-Kollektiv aktiv sind, können sich neue Bezugsgruppen finden zur Organisation der Infos, Kommunikation, Artikel posten auf der neuen TÜWI_Website, etc... - dies erweitert den Freiraum TÜWI nach Innen.

Nun bist du an der Reihe dich an diesem “freien Tag” im TÜWI zu beteiligen und den geschaffenen Freiraum zu nutzen. Komm und finde die Möglichkeit dein Konsumverhalten zu reflektieren, lerne dich selbst zu positionieren und gewinne einen neuen Zugang zu den Themen Geld, Engagement, Partizipation und Selbstbestimmung.

Wenn du dich weiter dafür interessierst oder selbst Ideen hast dich zu beteiligen, dann informiere dich im TÜWI_Verein für Kommunikation, Interaktion und Integration.

http://www.tuewi.action.at/freiraum

Das TÜWI_Kollektiv

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